Sehr geehrte Mitbürger!

Im Jahr 2019 veröffentlichte unser Herausgeber Max Otte seine großangelegte Analyse Weltsystemcrash. Darin stellte er drei Szenarien für die zukünftige Weltordnung auf (hier geordnet von negativer zu positiver Bewertung):

1. Ausbruch des Dritten Weltkriegs,

2. Verstetigung eines internationalen Konflikts um die globale Hegemonie („neuer Kalter Krieg“) sowie

3. eine multipolare Weltordnung ohne den eindeutigen globalen Hegemon.

Im vergangenen Jahr hat sich die Situation vom mittleren Szenario in Richtung der Eskalation zu einem Dritten Weltkrieg verschärft. Der türkische Präsident Erdoğan muss nun die vorwiegend israelkritische Haltung seiner Bevölkerung mit der internationalen Interessengemeinschaft balancieren, die von Israel angeführt wird. Das Szenario hat sich in Richtung der Eskalation zu einem Dritten Weltkrieg verschärft. Der Ukrainekrieg ist an mehreren Punkten eskaliert: Dazu gehören der Einsatz von immer mächtigeren Waffensystemen, die Verschärfung der russischen Atomdoktrin und direkte Angriffe der Ukraine auf russisches Territorium. Auch die Spannung im Nahen Osten nahm zu. Israel marschierte im Libanon ein, Iran und Jemen beschossen Israel mit Raketen und zuletzt stürzte die israelisch-türkisch-amerikanische Koalition den syrischen Machthaber Baschar al-Assad. Dies markiert einen großen Sieg des westlichen Blocks und könnte die Region vorerst befrieden. Der syrische Rebellenführer Abu Mohammad al Julani – einst ein Kämpfer des berüchtigten „Islamischen Staats“ (IS) – schlägt nach der Machtübernahme prowestliche und tolerante Töne an. Der IS hat seine Funktion, Assad zu stürzen, schließlich auch erfüllt. Allerdings könnte der Plan Israels, sein Territorium zu einem „Großisrael“ zu erweitern, zu neuen Spannungen und dem Wegfall bisheriger Bündnisse führen (mehr dazu im Titelthema der Ausgabe 10–2024).

Der geopolitische Sieg im Nahen Osten wird von den immer größeren Risiken im westlichen Finanzsystem konterkariert. In den Wochen vor der amerikanischen Präsidentschaftswahl machte die Biden-Regierung fast 500 Milliarden US-Dollar neue Schulden. In Frankreich und Deutschland brachen die Regierungskoalitionen auseinander, weil die notwendige Neuverschuldung zur Deckung des Haushalts deutlich höher ausfallen würde als bisher erwartet. Die Risiken einer Staatsschuldenkrise und der damit verbundenen Hyperinflation nehmen zu. Jedoch führt dies zu immer größeren Blasen an den Finanzmärkten, die vorwiegend im starken Anstieg von Technologieaktien und Bitcoin ihren Ausdruck finden. Nun wird bereits eine Deckung des US-Dollar durch Bitcoin diskutiert.

Staatsschulden und Inflation sind allerdings nicht nur ein monetäres Problem, sondern auch ein soziales. In den meisten westlichen Ländern ist es für die Mittelschicht kaum mehr möglich, Wohneigentum zu erwerben. In Deutschland haben sich die Immobilienpreise in den vergangenen 20 Jahren nahezu verdoppelt. Laut dem Empirica-Index stiegen die Preise für Wohnimmobilien von 2003 bis 2023 um rund 85 %. Das Durchschnittseinkommen ist in demselben Zeitraum aber nur moderat gestiegen – von etwa 25.000 € netto pro Jahr im Jahr 2003 auf etwa 33.000 € im Jahr 2023 (ca. 32 %). Im gleichen Zug erhöhen sich die Preise für Energie, Strom, Lebensmittel und Treibstoff. Die inflationäre Entwicklung führt zu einem immer stärkeren sozialen Ungleichgewicht – die Reichen werden dabei immer reicher. Daher bleibt die Frage spannend, ob sich das westliche Finanzsystem dauerhaft durchsetzen wird.

In den USA erzielte Donald Trump einen klaren Wahlsieg. Als erster republikanischer Kandidat hat er nicht nur die Mehrheit aller Wahlleute gewonnen, sondern auch die Mehrheit aller Wahlberechtigten. Der Griff linksradikaler „Wokeness“ über den gesellschaftlichen Diskurs scheint sich zumindest gelockert zu haben. Große Finanzunternehmen wie BlackRock rudern beispielsweise bei den sogenannten „ESG-Kriterien“ zurück, Elon Musk empfiehlt offen die Wahl der AfD und das Traditionsunternehmen Jaguar wird für eine „woke“ Werbekampagne von der ganzen Welt verspottet. Das alles kann jedoch auch nur eine vorübergehende Neuausrichtung sein, weil das frühere Konzept übers Ziel hinausgeschossen ist. Krieg, Enteignung, Überwachung und Propaganda werden auch 2025 bleiben. Das Jahr wird viele Überraschungen bereithalten – und vielleicht auch in die Weltgeschichte eingehen.

Ihr

Felix Schönherr

Chefredakteur POLITIK SPEZIAL

Dieser Text ist als Editorial der Ausgabe 10–2024 erschienen. Unterstützen Sie unseren unabhängigen Journalismus mit Ihrem Abonnement:

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